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Kinder müssen gewinnen dürfen.

Ich habe mit sieben Jahren mit Leichtathletik begonnen, und am Anfang lief alles ein bisschen zu gut. Ich gewann Rennen, brach Vereinsrekorde, hatte ein erstaunlich gutes Gefühl für Taktik und stand an der Startlinie mit der festen Überzeugung, dass das heute wieder meiner wird. In meinem Kopf war ich unbesiegbar.

 

Meine Mutter sagte einmal zu einer Freundin: «Wir hatten gehofft, dass er im Sport verlieren lernt.» Damals fand ich das eine ziemlich absurde Idee. Warum sollte man etwas lernen wollen, das sich einfach nur falsch anfühlt?


«Wir hatten gehofft, dass er im Sport verlieren lernt.»

 

Der Sport hat die Antwort geliefert, ziemlich schnell und ohne Rücksicht auf mein Ego. Irgendwann steht da jemand neben dir, der schneller ist. Oder stärker. Oder einfach besser an diesem Tag. Und irgendwann kommt die Phase, in der dein Körper nicht im gleichen Tempo wächst wie die der anderen. Wenn du ein Spätentwickler bist, wird das sehr konkret. Die, die du früher geschlagen hast, laufen dir davon. Und du schaust ihnen dabei zu.

 

Und genau dort beginnt der Teil des Sports, der bleibt. Die Zeiten und Siege verschwimmen mit der Zeit. Was hängen bleibt, sind die anderen Momente. Der vierte Platz, wenn drei Medaillen verteilt werden. Das Rennen, in dem die Freundin schneller ist. Der Final, für den es knapp nicht reicht.

 

Dann stehst du da und musst entscheiden, wer du bist. Einer, der sich wegdreht, oder einer, der klatscht. Einer, der Ausreden sucht, oder einer, der sagt: stark gemacht. Das lernt man nicht in der Theorie. Das passiert auf dem Platz, immer wieder, bis es sitzt. Bis man merkt, dass ein Handschlag nach dem Rennen mehr über dich sagt als die Zeit auf der Anzeigetafel.

 

Und während man das lernt, passiert etwas Zweites, fast noch Wichtigeres. Man findet Menschen, die das Gleiche erleben. Die gleichen Trainings, die gleichen Zweifel, die gleichen kleinen Siege, die von aussen niemand sieht. Daraus entstehen Freundschaften, die nicht viel Erklärung brauchen. Man weiss, was die andere gerade durchmacht.

 

Und genau deshalb wird es heikel, wenn Erwachsene anfangen, den Kindersport zu glätten. Wenn sie glauben, man müsse alles so organisieren, dass sich am Ende alle gleich gut fühlen. Ich habe einmal erlebt, wie vor einem Final die Teams bewusst gemischt wurden, nicht nach Leistung, sondern nach einem pädagogischen Ideal. Damit alle Spass haben.

 

Der Gedanke war gut gemeint. Die Wirkung war eine andere. Diejenigen, die trainiert hatten, die sich messen wollten, die gewinnen wollten, standen plötzlich da und merkten, dass ihnen genau dieser Moment genommen wurde. Nicht, weil sie verloren hatten. Sondern weil man ihnen gar nicht erst die Chance gab, zu gewinnen. Auch das kann demotivieren. Vielleicht sogar mehr als eine Niederlage. Und jene, die die Leistung nicht bringen konnten, standen plötzlich unter Druck von denen, denen man die Chance genommen hatte.


Sport lebt davon, dass man sich misst.

 

Sport lebt davon, dass man sich misst. Sport lebt davon, dass man besser werden will. Dass man sich freut, wenn es aufgeht, und damit umgehen muss, wenn es nicht aufgeht. Wenn man das zu stark abschwächt, nimmt man dem Sport etwas Wesentliches.

 

Die Aufgabe ist nicht, Kinder vor dem Verlieren zu schützen. Die Aufgabe ist, sie dabei zu begleiten. Ihnen zu zeigen, wie man gewinnt, ohne abzuheben, und wie man verliert, ohne zu verschwinden. Ihnen den Raum zu geben, sich zu messen, und gleichzeitig ein Umfeld zu schaffen, das trägt, wenn es einmal nicht läuft. Und vor allem: ihnen die Menschen zu lassen, die den Unterschied machen. Teamkolleginnen, Konkurrentinnen, Trainingspartner. Menschen mit denselben Interessen, denselben Ambitionen, demselben Blick auf die nächste Startlinie. Das ist oft der eigentliche Grund, warum man bleibt.

 Man wird für ein Team berücksichtigt oder eben nicht.

Am Ende gewinnt man Rennen, und man verliert Rennen. Man steht auf dem Podest oder eben knapp daneben. Man wird für ein Team berücksichtigt oder eben nicht. Das alles gehört dazu.

 

Entscheidend ist etwas anderes. Dass man bleibt. Dass man weitermacht. Und dass man lernt, sich auch dann für andere zu freuen, wenn man selbst nicht vorne steht.


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