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Ein Tag ohne Welt

Wann hast du das letzte Mal wirklich losgelassen?


Nicht Ferien. Nicht dieses moderne Wegsein, bei dem man den Ort wechselt, aber sich selbst komplett mitnimmt. Das Handy bleibt in Griffweite, der Laptop reist im Handgepäck, und selbst beim Abendessen sitzt irgendwo im Hinterkopf noch eine unerledigte Aufgabe mit am Tisch. Ich meine wirklich loslassen. Keine Termine. Keine Projekte. Keine Erwartungen. Kein stilles Diktat von aussen. Nur du, dein Körper und das, was von dir übrig bleibt, wenn die Welt für einen Moment verstummt.


Ich musste erschreckend lange zurückdenken, um eine Antwort zu finden. Nicht Wochen. Nicht Monate. Sicher Jahre. Und genau darin steckt die stille Absurdität unserer Zeit: Dass ein einzelner Tag ohne digitale Reize, ohne To-do-Listen, ohne das leise Diktat von Projekten, Erwartungen und Verfügbarkeiten heute fast wie ein spiritueller Ausnahmezustand wirkt.


Vielleicht ist das der eigentliche Grund, weshalb die neue SRF-Serie «Shaolin Challenge» sofort einen Nerv trifft. Nicht wegen der Kulisse des Tempels in Südkorea und nicht nur wegen der prominenten Namen wie Melanie Winiger, Pat Burgener, Nöldi Forrer, Dario Cologna, Isabel Egli und Tamy Glauser. Sondern weil diese neun Tage radikal sichtbar machen, was wir im Alltag meisterhaft verdrängen: Dass wir selten noch ganz bei uns sind.


Wir müssen dafür gar nicht nach Südkorea. Vielleicht reicht es schon, einen Nachmittag lang nicht erreichbar zu sein. Das Handy zuhause zu lassen. Keine Rolle zu spielen. Niemandem etwas beweisen zu müssen. Einfach nur zu gehen, zu laufen, zu atmen, bis die Gedanken nicht mehr in Terminen sprechen, sondern wieder in Klarheit. Wir sind so beschäftigt, für andere zu funktionieren, dass wir fast vergessen haben, wie es sich anfühlt, für uns selbst da zu sein.


Und genau darin liegt vielleicht die eigentliche Challenge, die uns diese Serie stellt. Nicht neun Tage im Kloster. Nicht Kung-Fu im Morgengrauen. Sondern ein oder zwei Tage, die wir uns selber zurückgeben.


Mein Vorschlag: Nimm heute noch deine Agenda zur Hand und blockiere dir ein oder zwei Tage in diesem Jahr. Ein Tag ohne Welt. Nur für dich. Ein Ort am See, in den Bergen, am Strand oder auf einer stillen Veranda. Erlaubt sind Kleidung, Sportsachen, gute Schuhe, vielleicht eine Jacke gegen den Abendwind. Mehr nicht.

Kein Handy. Kein Internet. Kein Fernseher. Keine Musik. Kein Buch. Kein Mountainbike, keine Ski, kein Tennisracket, nichts, was dich wieder von dir selbst wegführt. Nur du, dein Körper und deine Gedanken.


Die einzige Ausnahme: ein kleines Notizbuch und ein Schreibstift. Offline. Wenn ein Gedanke wichtig genug ist, darf er bleiben. Aber er muss den Umweg über die Hand nehmen, langsam, bewusst, ohne Display, ohne App, ohne sofortige Weiterleitung in die Welt.


Tschüss Chef. Sorry Familie. See you, Welt. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Ich bin am Montag wieder da.


Und diesmal beginnt die grösste Bewegung nicht mit dem ersten Schritt eines Dauerlaufs, sondern mit dem Mut, für einen Moment einfach still zu werden.

Melanie Winiger - Shaolin Challenge, Staffel 1 -  SRF
Melanie Winiger - Shaolin Challenge, Staffel 1 - SRF


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