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Die Ewigkeit aufgeben

Da ist dieser Trend gerade. Ich scrolle durch Instagram und TikTok, bleibe hängen, mehrmals. Immer dieselbe Dramaturgie: Eine Frau heute, selbstbewusst, angekommen, irgendwo zwischen 40 und 50, manchmal mit ihren Kindern. Dann ein Schnitt. Alte Bilder aus den 90ern. Körnig, weich, aus einer Zeit, in der man sich noch nicht inszeniert hat, sondern einfach war. Young and Beautiful. Und dann setzt die Musik ein: “And I’d give up forever to touch you” aus Iris. Und plötzlich ist da nicht mehr der Feed, sondern ein Gefühl.

 

Zum Teil kenne ich diese Frauen. Alicia Silverstone. Natalia Imbruglia. Ikonen der 90er, in die wir damals alle ein bisschen verknallt waren. Aber es geht nicht um sie. Es geht um Nadine, Rita und Ümran. Um diese Zeit, in der man glaubte, dass genau jetzt alles entschieden wird. Dass diese eine Begegnung, diese eine Person, dieses eine Gefühl nicht nur wichtig ist, sondern alles. Wirklich alles. Entsprechend gross war der Herzschmerz, wenn es nicht funktionierte. Und entsprechend kompromisslos die Bereitschaft, alles zu geben.

 

2010 habe ich in London die Goo Goo Dolls interviewt und sass John Rzeznik gegenüber. Ich sagte ihm, ohne Ironie, dass er mit dieser Zeile wahrscheinlich die beste geschrieben hat, die ich kenne. Und ich meinte das genau so. Damals war ich weder verheiratet noch hatte ich Kinder. Ich war in diesem Modus, in dem man solche Sätze nicht analysiert, sondern lebt. Im ewigen Jetzt.

 

Wenn man ehrlich ist, war das keine Übertreibung. Man hätte tatsächlich alles aufgeben wollen. Nicht, weil man leichtfertig war, sondern weil man gar nicht wusste, was „alles“ überhaupt ist. Alles war klein genug, um es zu riskieren.

 

Heute ist „alles“ konkret. Kinder. Verantwortung. Ein Leben, das gewachsen ist. Man fühlt nicht weniger, man fühlt anders. Tiefer. Ruhiger. Mit Konsequenzen. Und trotzdem wirkt es für einen Moment, als wäre es damals einfacher gewesen.

 

Das war es natürlich nicht. Da war der Herzschmerz. Das Gefühl, dass eine Trennung nicht ein Kapitel beendete, sondern das ganze Buch. Dass es genau diese eine Person war und nie mehr jemand so kommt.

 

Heute weiss man, dass das nicht stimmt. Dass Zeit Wunden heilt. Dass nach jedem Ende ein neuer Anfang steht. Damals wusste ich das nicht. Damals zählte nur das Jetzt. So sehr, dass ich mit meiner Band einen Song mit dem sinnigen Titel „Everlasting Now“ schrieb und performte.

 

Es war nie für immer. Damals hatte die Zeit nur kein Ende. Und genau deshalb war das Gefühl so gross.

 

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