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4 Jahre Krieg in der Ukraine

Vor vier Jahren begann Russland seinen gross angelegten Angriff auf die Ukraine. Seit vier Jahren erleben wir russischen Terror auf europäischem Boden. Städte werden zerstört, Energieinfrastruktur wird gezielt angegriffen, Wohnhäuser, Schulen und Spitäler werden zu militärischen Zielen erklärt. Wer heute noch von einem „Konflikt“ spricht, verharmlost, was tatsächlich geschieht. Es ist ein brutaler Angriffskrieg. Ein imperialer Versuch, ein souveränes Land zu unterwerfen.

 

Gleichzeitig erleben wir seit vier Jahren das Aufbäumen einer Nation, die sich nicht beugen will. Menschen, die zuvor Lehrerinnen, Ingenieure, Studenten oder Unternehmer waren, verteidigen ihr Land gegen russische Soldaten. Die Ukraine kämpft nicht nur um Territorium. Sie kämpft um ihre Freiheit, um ihre Identität, um ihr Recht, selbst zu entscheiden, wohin sie gehört. Und sie kämpft gegen einen Aggressor, der systematisch Angst als Waffe einsetzt.

 

Der Rest der Welt hat viel getan. Sanktionen, finanzielle Unterstützung, militärische Hilfe. Aber wenn wir ehrlich sind, war es oft zu zögerlich, zu spät, zu vorsichtig. Immer begleitet von der Sorge, Moskau nicht zu sehr zu reizen. Diese Vorsicht hat Leben gekostet. Aggression endet nicht durch Beschwichtigung, sondern durch Entschlossenheit.

 

Für mich ist dieser Krieg keine abstrakte geopolitische Analyse. Ich habe ihn von Beginn weg miterlebt und mitgefühlt. Vier Tage nach Kriegsausbruch wurde meine Nichte Kristina geboren. Ihre Eltern mussten durch von russischen Truppen kontrollierte Gebiete fahren, um ins Spital zu gelangen. Während andere über Strategien diskutierten, ging es für sie um Leben und Tod.

 

Kurz darauf musste meine Schwiegermutter mit meiner anderen Nichte ihr Zuhause verlassen. Von einem Tag auf den anderen. Keine Planung, keine Sicherheit, nur das Nötigste in einem Koffer. Mit dabei war die Katze Afonia. Sie kam mit in die Schweiz und lebt seither bei uns. Ein kleines, lebendiges Zeichen dafür, dass hinter jedem Fluchtschicksal eine Familie steht. Ein Zuhause. Ein Alltag, der gewaltsam zerstört wurde.

 

Meine Nichte Lisa war das erste ukrainische Kind, das ins Berner Schulsystem aufgenommen wurde. Nach sechs Monaten Integrationsschule wechselte sie in die Sekundarschule. Heute besucht sie das Gymnasium Neufeld. Parallel dazu absolvierte sie abends Online-Unterricht in der ukrainischen Schule und schloss diesen ebenfalls ab. Diese Leistung ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck eines unglaublichen Willens, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie steht für eine Generation ukrainischer Kinder, die zwischen Sirenen und Zoom-Unterricht erwachsen werden.

 

Doch das ist nur die Vorderseite der Medaille. Hinter guten Noten und schnellen Integrationsschritten steht die psychologische Verarbeitung eines Krieges. Ich erinnere mich, wie sie und andere Ukrainerinnen sich duckten, wenn über unseren Garten ein Flugzeug flog. Für uns ein normales Geräusch. Für sie ein Alarm. Der Krieg reist mit. Nicht sichtbar, aber spürbar.

 

Ich habe zudem eine ukrainische Flüchtende angestellt. Wir haben sie zunächst als Praktikantin geholt. Heute stellen wir sie fest ein. Das war nicht geplant. Es war kein politisches Signal und keine PR-Idee. Es war Zufall. Sie hat sich beworben und im Gespräch überzeugt. Mit Fachwissen, mit einer unglaublichen Arbeitsethik und mit vollem Einsatz. Sie wollte arbeiten. Und sie hat uns noch nie enttäuscht.

 

Sie übernimmt Verantwortung, integriert sich mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckt, und trägt jeden Tag zum Erfolg unseres Teams bei. Genau so funktioniert Integration. Durch einen ersten Schritt von beiden Seiten. Durch Leistung und Vertrauen.

 

Ich wünsche mir, dass mehr Unternehmerinnen und Unternehmer in der Schweiz ukrainischen Flüchtenden diese Chance geben. Und ich hoffe, dass auch ihre Mutter und ihr Bruder, die nichts mehr wollen, als endlich arbeiten zu dürfen, bald eine Stelle finden. Integration gelingt nicht durch Worte, sondern durch konkrete Möglichkeiten.

 

Der Krieg hat die Sicherheitslage in Europa grundlegend verändert. Wir können uns nicht länger in der Illusion wiegen, Frieden sei ein Naturzustand. Auch die Schweiz muss mehr in Sicherheit investieren, in ihre Armee, in ihre Verteidigungsfähigkeit. Und man darf sich nicht feige hinter Neutralität verstecken. Wer Freiheit bewahren will, muss bereit sein, sie zu schützen.

 

Gleichzeitig müssen wir Russland weiterhin unter Druck setzen. Mit konsequenten wirtschaftlichen Sanktionen. Mit finanzieller und militärischer Unterstützung der Ukraine. Mit klaren politischen Signalen. Und ja, auch mit dem Ausschluss Russlands aus internationalen Wettbewerben, solange dieses Regime Krieg führt. Sport, Kultur und Wirtschaft sind keine neutralen Räume, wenn ein Staat systematisch internationales Recht bricht. Die Täter dürfen nicht belohnt werden.

 

Wir dürfen diesen Krieg nicht aus dem Blick verlieren, nur weil er nicht mehr täglich die Schlagzeilen dominiert. Für die Menschen in der Ukraine ist er nicht einfach ein paar Zeilen in der Tagesschau. Er ist Alltag. Er ist Verlust. Er ist Angst. Und er ist Widerstand.

 

Alles Gute, Ukraine.

Slava Ukraini.


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