Stark. Stärker. Dolly Parton
- Daniel Beyeler

- vor 10 Minuten
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Meine Tochter heisst Jolene.
Natürlich nicht zufällig. Als wir vor elf Jahren einen Namen für sie suchten, war da dieser Song. Vier Akkorde, eine flehende Stimme und eine Melodie, die man nach wenigen Sekunden nicht mehr aus dem Kopf bekommt. «Jolene» gehört für mich zu den grossen Songs der Popgeschichte. Geschrieben von Dolly Parton.
Nun ist Dolly Parton im Alter von 80 Jahren gestorben. Und plötzlich denke ich darüber nach, dass diese Frau meiner Familie viel mehr hinterlassen hat als den Namen meiner Tochter.
Dolly Parton war eine fantastische Songwriterin. «Jolene». «Hard Candy Christmas». «9 to 5». Und natürlich «I Will Always Love You», welches Whitney Houston Jahrzehnte später zum Welthit machte.
Aber Dolly Parton war noch etwas anderes. Sie war stark.
Vielleicht übersah man das leicht, weil sie ihr ganzes Leben mit ihrem Äusseren spielte. Riesige blonde Haare. Fingernägel. Strass. High Heels. Viel Busen, viel Make-up. Sie wusste genau, was die Leute darin sahen. Und sie liess sie.
Hinter dieser Kunstfigur sass eine Frau, die als eines von zwölf Kindern in bitterer Armut in Tennessee aufgewachsen war und später eine der erfolgreichsten Geschäftsfrauen des Showbusiness wurde. Sie schrieb ihre Songs selbst und verstand früh, dass künstlerische Freiheit wirtschaftliche Unabhängigkeit braucht.
Eine meiner Lieblingsgeschichten handelt deshalb von Elvis Presley. Elvis wollte «I Will Always Love You» aufnehmen. Sein Manager verlangte dafür einen Teil der Publishing-Rechte. Dolly sagte Nein.
Sie habe deswegen die ganze Nacht geweint, erzählte sie später. Aber ihren Song gab sie nicht aus der Hand. Jahrzehnte später kam Whitney Houston. Dolly besass die Rechte noch immer.
Das ist für mich Female Empowerment. Nicht als Slogan. Sondern als junge Frau in einer von Männern dominierten Industrie zu sagen: Das habe ich geschaffen. Das gehört mir. Und auch wenn Elvis Presley vor der Tür steht, bestimme ich.
Ihre eigentliche Grösse zeigte sich aber noch woanders.
1995 gründete sie die Imagination Library. Ihr Vater konnte weder lesen noch schreiben. Deshalb sollten Kinder von Geburt an Bücher bekommen. Kostenlos. Aus einem kleinen Projekt in ihrer Heimat wurde eine internationale Organisation, die inzwischen mehr als 300 Millionen Bücher verschenkt hat.
Als 2016 Waldbrände ihre Heimatregion verwüsteten, half ihr «My People Fund» Familien, die ihre Häuser verloren hatten. 2020 spendete sie eine Million Dollar für die COVID-Forschung an der Vanderbilt University. Das Geld unterstützte Forschung, die zur Entwicklung des Moderna-Impfstoffs beitrug.
Sie verliess die Armut. Aber sie vergass die Menschen nicht, die dort geblieben waren. Und sie predigte wenig. Vielmehr wurde die tief religiös geprägte Frau aus den Smoky Mountains zur Ikone der LGBTQ-Community, sprach über Rassismus und unterstützte Black Lives Matter. Sie passte schlecht in Schubladen. Vielleicht gerade deshalb erreichte sie Menschen, die anderen längst nicht mehr zuhören.
Man konnte die Perücke sehen und Dolly Parton unterschätzen. Das Dekolleté sehen und die Geschäftsfrau übersehen. Über den Country-Akzent oder die Fingernägel lachen und nicht merken, dass diese Frau ihre Urheberrechte besser verstand als mancher Musikmanager.
Meine Jolene wird bald elf Jahre alt. Irgendwann wird sie vielleicht genauer wissen wollen, weshalb wir ihr diesen Namen gegeben haben. Dann kann ich ihr von einem wunderschönen Song erzählen. Und von einer Frau, die aus praktisch nichts kam, sich von niemandem erklären liess, wie eine starke Frau auszusehen hat, ihre eigenen Songs besass und mit ihrem Erfolg Millionen anderen Menschen Chancen gab.
Stark. Stärker. Dolly Parton.




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