top of page

250 Jahre USA: Thank you for the music and dreams

Die USA feiern am 4. Juli 250 Jahre Unabhängigkeit. Und ja: Das Amerika von heute enttäuscht. Trump, Kulturkampf, politische Grobheit, religiöse Rückständigkeit, Waffenwahn, ein Staat, der sich gern als Führungsmacht der freien Welt inszeniert und gleichzeitig bei Infrastruktur, Schule, Gesundheit und sozialer Sicherheit erschreckend oft wirkt wie ein Land, das seine eigenen Leute vergessen hat.

Aber dieser Text soll kein weiterer Abgesang auf Amerika werden.


Denn für mich waren die USA immer mehr als Präsidenten, Fox News, Maga-Kappen und republikanische Absurditäten. Die USA waren für mich Kino. Musik. Fernsehen. Jeans. Turnschuhe. Freiheit. Weite. Tempo. Möglichkeiten. Der Glaube, dass man etwas anfangen kann, auch wenn man nicht aus der richtigen Familie kommt, nicht am richtigen Ort geboren wurde und nicht den richtigen Stallgeruch hat.Amerika war ein Lebensgefühl, lange bevor ich je dort war.


Als Kind und Jugendlicher kam ein grosser Teil meiner Welt aus den USA. Die Filme, die Serien, die Musik, die Kleider, die Bilder. Alles roch nach Aufbruch. Nach Strassen, die irgendwohin führten. Nach Städten, die nie schliefen. Nach Menschen, die nicht fragten, ob etwas erlaubt ist, sondern ob es möglich ist.


Und ja, ich habe den Anti-Amerikanismus nie goutiert. Diese billige Überheblichkeit, mit der man in Europa gern auf die USA herabschaut. Natürlich konnte man vieles kritisieren. Vietnam. Rassismus. Armut. Imperialismus. Die dunklen Seiten waren immer da. Aber wer im 20. Jahrhundert so tat, als gebe es eine gleichwertige moralische Alternative, machte sich etwas vor.


Es gab keine .


Die Sowjetunion war nicht romantisch. Sie war nicht der bessere Traum. Sie war nicht die gerechtere Welt. Sie war Unterdrückung, Lager, Mauern, Spitzel, Angst, Gleichschaltung und Lüge. Die Sowjetunion war das Böse. Und nur sehr verblendete Leute konnten ernsthaft glauben, Moskau stehe für Fortschritt, Freiheit oder Menschlichkeit.


Auch im Sport war Amerika für mich früh ein Sehnsuchtsort. Die grossen Läuferinnen und Läufer, die Leichtathletinnen und Leichtathleten, die Namen, die Bilder, die Wettkämpfe. Steve Prefontaine, Alberto Salazar, Steve Scott. Joan Benoit, Carl Lewis, Jackie Joyner-Kersee. Edwin Moses, Florence Griffith-Joyner, Michael Johnson. Und viele mehr.


Die USA waren das Mass aller Dinge. Nicht immer sauber. Nicht immer unschuldig. Auch dort gab es Doping, Politik und Heuchelei. Aber in meiner Wahrnehmung standen sie auf der richtigen Seite der grossen sportlichen Erzählung: die freie Welt gegen die Staatsmaschinen aus der Sowjetunion, der DDR, Rumänien und anderen Systemen, in denen Sportlerinnen und Sportler nicht einfach Athleten waren, sondern Werkzeuge einer Ideologie.


Amerika war Show. Aber Amerika war auch Leistung.


Amerika machte aus Sport eine Bühne. Aus Athleten Persönlichkeiten. Aus Wettkämpfen Geschichten. Diese Mischung aus Talent, Selbstbewusstsein, Entertainment und Härte hat mich fasziniert. Sie prägt mich bis heute. Wer Sport liebt, wer Wettkampf liebt, wer grosse Momente liebt, kommt an den USA nicht vorbei.


Und dann kam New York.


Diese Metropole am Hudson River verkörperte alles, was ich je gesucht hatte. Ich erinnere mich an den Moment, als ich zum ersten Mal die Skyline aus dem Bus sah. Es war kein langsames Kennenlernen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Diese Stadt stand da wie ein Versprechen. Laut. Hart. Schön. Rücksichtslos. Grosszügig. Überfordernd. Lebendig.


New York war nicht einfach eine Stadt. New York war ein Verstärker.

Ich zog dorthin. Ich arbeitete dort. Ich lief Rennen dort. Ich spielte Musik dort. Ich lebte dort. Und ich fand dort die Liebe meines Lebens.


New York gave me everything.


Ohne New York wäre ich nicht, was ich bin. Nicht als Mensch. Nicht als Läufer. Nicht als Musiker. Nicht als Ehemann. Vielleicht auch nicht als politischer Mensch. New York hat mir gezeigt, dass Herkunft nicht alles ist. Dass Energie zählt. Dass man sich selber neu bauen kann. Dass man verlieren darf, solange man wieder aufsteht. Dass man in einer Stadt mit Millionen Menschen trotzdem sein eigenes Lied finden kann.

Vielleicht ist genau das der Kern meiner Beziehung zu Amerika: Ich weiss, was falsch läuft. Ich sehe die Brüche. Ich sehe die Arroganz. Ich sehe die Rückständigkeit. Ein Land, das sich selber als Leader der Welt versteht, sollte bessere Schulen haben. Bessere Züge. Bessere Spitäler. Bessere soziale Sicherheit. Weniger Angst. Weniger Waffen. Weniger religiösen Fanatismus. Weniger Wut.


Amerika hat der Welt Träume gegeben. Aber es hat zu viele der eigenen Träumerinnen und Träumer im Stich gelassen.


Und trotzdem: Ich werde nicht in den Chor jener einstimmen, die Amerika nur noch verachten. Dafür hat mir dieses Land zu viel gegeben. Dafür hat es der Welt zu viel gegeben. Die Musik. Die Filme. Die Literatur. Den Sport. Die Bürgerrechtsbewegung. Die Popkultur. Die Freiheitserzählung. Die Idee, dass ein anderes Leben möglich ist.

Vielleicht ist Amerika im Moment nicht das Land, in das man sich leicht verliebt. Vielleicht ist es müde. Krank. Wütend. Verwirrt. Vielleicht hat es vergessen, warum so viele Menschen einmal zu ihm aufgeschaut haben.


Genau darum wünsche ich den USA zu ihrem 250. Geburtstag nicht Grösse. Davon redet Amerika genug. Ich wünsche ihnen Heilung.


Kommentare


bottom of page